Der Orgelbauer und sein Werk

Der Bau einer neuen Orgel ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung, wie dies auch in der Literatur immer wieder zum Ausdruck gebracht wurde. Johann Julius Seidel schrieb beispielsweise 1843:

"Die Orgel ist das vollkommenste aller musikalischen Instrumente und erreicht den erhabenen Zweck, zu welchem sie erfunden ist, in dem Grade, dass man sie mit Recht unersetzlich nennen kann. Die Orgelbaukunst ist daher auch eine der schwierigen Künste, denn es sind vielfache Kenntnisse, die größte Genauigkeit und unerschöpfliche Geduld erforderlich, wenn die kunstvolle Hand des Meisters ein Werk hervorbringen soll, das seinem erhabenen Zwecke gänzlich entspricht."

Seidels Worte nehmen auch auf die Tatsache Bezug, dass jedes Instrument bis in das kleinste Detail auf die speziellen architektonischen und akustischen Gegebenheiten eines Aufstellungsortes abgestimmt werden muss. Die Ausbildung eines Orgelbauers umfasst deshalb verschiedenste Bereiche wie Physik, Akustik, Materialkunde, Konstruktionslehre, Fachzeichnen, Orgelbau- und Kunstgeschichte.

Neben den handwerklichen Fähigkeiten in der Verarbeitung von Massivholz und Metall können auch, je nach Arbeitsgebiet ein überdurchschnittlich musikalisches Gehör, die Kenntnis des Orgelspiels und seiner Literatur sowie ein guter gestalterischer Geschmack von nöten sein. Eine Orgel ist somit stets ein Gesamtkunstwerk aus den Bereichen Technik, Akkustik, Architektur und Musik, die gemeinsam in den Dienst der musikalischen Bedürfnisse einer Gemeinde in Liturgie und Konzert gestellt werden.

Wichtigste Faktoren bei der Planung eines neuen Instrumentes sind die an das jeweilige Instrument gestellte Aufgaben, die klanglichen und architektonischen Wünsche der Bauherrschaft, das zur Verfügung stehende Platzangebot und auch finanzielle Möglichkeiten eines Auftraggebers; Faktoren, die in ihrer Summe zur Festlegung einer bestimmten Registerzahl und damit Orgelgröße führen.

Das in massivem kanadischem Ahorn hergestellte Gehäuse umschließt ein Orgelwerk mit insgesamt 14 Registern, die auf zwei Manuale und Pedal verteilt sind. über dem Spieltisch befindet sich das Pfeifenwerk des Hauptwerkes, eine Etage höher ist das von außen nicht sichtbare und schwellbare Positiv eingebaut. Hinter dem Hauptgehäuse sind die Pfeifen des Pedals angeordnet.

Die Disposition und die Klanggestaltung orientiert sich an den vielfältigen Aufgaben, die an dieses Instrument gestellt sind. Diese Aufgaben liegen hauptsächlich im Begleiten trauernder Gemeinschaften. Das Instrument soll aber auch das Musizieren außerhalb von Traueranlässen ermöglichen. Die mit der Bauherrschaft erarbeitete, konzeptionell wohldurchdachte Disposition mit ihrer Klangvielfalt der Teilwerke eignet sich zur Führung bzw. Begleitung von Gemeinde- und Chorgesängen, zum gemeinsamen Musizieren mit Vokal- und Instrumentalsolisten sowie zu allen solistischen Aufgaben bei Trauerfeiern.

Da der barock orientierten Disposition in vernünftigem Maß auch romantische Stimmen beigefügt sind, lässt das Instrument die Interpretation einer großen Zahl stilistisch unterschiedlicher Orgelkompositionen aus mehreren Epochen zu und eignet sich daher nicht nur für das liturgische Geschehen, sondern auch für verschiedene Konzertanlässe.

Alle wesentlichen Teile der neuen Orgel wie das Gehäuse, der Spieltisch mit den Klaviaturen, Registerzügen, Notenbrett und Orgelbank sowie sämtliche Abstrakten, Ventile, Windkanäle, Windladen und Holzpfeifen wurden in unserer Werkstatt in Näfels gefertigt. Es wurde ausgesuchtes Massivholz verarbeitet, das im eigenen Holzlager natürlich, das heißt je nach Brettdimension in einem Zeitraum von vier bis zu acht Jahren getrocknet wurde.

Wie seit Jahrhunderten im Orgelbau üblich, wurden in der hauseigenen Pfeifenwerkstatt auch die Zinnbleche für die Metallpfeifen gegossen. Je nach gewünschter Klangfarbe der Pfeifen ist das Mischungsverhältnis zwischen Zinn und Blei von Bedeutung. Weisen die sichtbaren Prospektpfeifen der Orgelfront einen nahezu 90%igen Zinnanteil auf, so klingen die weiteren Registerfamilien mit entsprechend niedrigeren Anteilen bis hin zu einem minimalen Zinnanteil von 15% für die Flötenstimmen. Der Intonateur plant den Gesamtklang der Orgel durch Festlegen der Pfeifenmaße und stimmt während der Raumintonation jede Pfeife optimal auf den Bestimmungsort und seine akustischen Gegebenheiten ab, was jedes Instrument zu einem Unikat macht.

Die Manualtrakturen sind mit einer selbstspannenden Mechanik versehen. Die Abstrakten bestehen aus ausgesuchter Alpenfichte und die Wellatur aus nahtlos gezogenen Stahlwellen mit punktgeschweissten Wellenarmen. Die Registerzugstangen sind in Massivholz, die Registerbäume in Schmiedeeisen ausgeführt. Das Gebläse der Orgel ist in den Notenkasten neben der Orgel integriert.

Wir freuen uns, die neue Orgel ihrer Bestimmung übergeben zu dürfen. Ihr Klang möge Menschen in schweren Stunden begleiten und trösten, die Herzen für die Frohbotschaft Gottes öffnen, aber auch bei Anlässen ausserhalb von Trauerfeiern Freude vermitteln können.

Hermann Mathis
November 2006

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